Weiltal oder 754
(von Holger Liebmann)
Den Einkauf in Gießen mit Mutter nutze ich für eine kleinen Abstecher nach Weilburg um die Startunterlagen für den 6. Marathon abzuholen. Sicher wäre das auch am nächsten Morgen kein Problem, aber wer weiss für was es gut ist.
In der ausgehängten Liste suche ich meine Startnummer.
„7-5-4“
Bei der Ausgabe der Nummern sieht mich die junge Frau erwartungsfroh an.
„754, bitte“ sage ich
„Moment noch bitte“ und sucht noch den Unschlag des Läufers neben mir raus. Ich war der Meinung er hätte schon alles.
Wieder schaut sie mich an.
„7-5-4“ wiederhole ich.
Nun bekomme ich den gewünschten Umschlag.
Am nächsten morgen heißt es früh aufstehen. Bis Weilburg brauche ich bestimmt fast ein Stunde. Jede Menge Busse stehen schon bereit, aber an den mitfahrenden Läufern fehlte es noch. Der erst Bus ist schon fast voll. Ein Busfahrer zum anderen
„Noch vier oder fünf dann fahre ich los. “
Nun ist es egal ob ich hier oder in Schmitten rum steh, so schwinge ich mich in den Bus und los geht’s.
Schnell sind wir aus Weilburg raus. Durch leuchtend grüne Buchenwälder geht unsere Fahrt in den Taunus. Durch kleine Dörfer im Weiltal immer weiter bergauf.
„Dort drüben laufen wir nachher“ sagt einer. Er muss schon mal mitgelaufen sein, weil ein Weg im Grün ist nicht zu sehen.
Die Dörfer sind wie ausgestorben. Kein Mensch ist am frühen Sonntag unterwegs. Bis auf einen der fast vor den Bus springt als wir an der Bushaltestelle vorbei wollen. Staffel steht auf dem Schild auf seiner Brust.
„Nehmen Sie mich mit?“ fragt er den Busfahrer
„Ne, darf ich nicht. Der Bus ist voll und stehend darf ich keinen mitnehmen.“
Fast wäre der Busstopper wieder rückwärts raus.
„Komm mach das Du rein kommst“
Und weiter geht es.
Arnoldshain ist Endstation und Stille. Bis auf die wenigen Läufer aus dem Bus ist nichts zu hören. Meine Startnummer habe ich schon, sie ist an meiner Gürteltasche befestigt. So gibt es für mich hier nichts mehr zu tun, als auf den Start zu warten. Nach und nach kommen weitere Busse mit Läufern an. Mit der Ruhe ist es jetzt allerdings vorbei.
Den ein oder anderen kennt man. Man wechselt ein paar Worte. Noch ist es recht kühl. Die Sonne wärmt aber schon mein Gesicht. Heute wird es warm. Wahrscheinlich schon zu warm. Dann muss man viel trinken! Eine Frau fällt mir auf, mit dem Handy in der Hand.
„Hallo ich bin’s. Ich stehen in Arnoldshain in der Sonne“
Pause
„Ich laufe gleich einen Marathon“
Pause
„Tschüss
Sie wählt wieder
„Hallo ich bin’s. Ich stehen in Arnoldshain in der Sonne“
Pause
„Ich laufe gleich einen Marathon“
Pause
„Tschüss
Ich weiss nicht so genau wieviel mal sie die frohe Nachricht an diesem Sonntag morgen um 8:30 Uhr verkündet, schön wenn man Freunde hat die Marathon laufen.
Mit einer kleinen Kanone weckt der Startschuss die Läufer und vermutlich das ganze Dorf. Ich stehe in der Mitte des Starterfelds von – für Nichtläufer vermutlich Verrückten – ca. 900 Läufern. Die Renntaktik ist klar, ankommen, schön wäre unter vier Stunden, langsam, und wenn es geht auch mal ein wenig laufen lassen.
Arnoldshain ist schnell hinter uns. Der Weg und der kleine Bach kreuzen sich einpaar mal in der Au. Einrammt von den bewaldeten Hügeln. Schön ist die Welt. Das Tempo ist mir doch zu langsam, so arbeite ich mich langsam nach vorn. Bei Kilometer vier überhole ich ein Temporadfahrer mit der 4 Stundenmarke auf dem Rücken. Der Weg führt immer wieder in den Wald hinein. Über Land- und Kreisstraßen die von der Feuerwehr gesperrt werden. Über Wiesen und durch Dörfer die nun voller Leben sind, Einwohner die uns anfeuern, dann einfach wieder Stille, nur der Atmen der Mitläufer, Stille.
Bei Kilometer 9 habe ich die 3,5 Stundenradler eingeholt. Zu schnell! Ich fühle mich aber gut. Laufe weiter. Die Zwischenzeiten liegen zwischen 4:35 und 5:10, ein schöner Tag. Hupps! Weg bin ich! Ich kann mir die Bodenwelle, an der ich eben hängen geblieben bin, aus nächster Nähe anschauen.
„Alle in Ordnung?“
Gute Frage. Ich bin sauber abgerollt, nur Hose und Shirt sind jetzt nicht mehr sauber. Hüfte, Ellenbogen und linke Hand schmerzen, aber nichts ist kaputt. Schnell bin ich wieder auf den Beinen und weiter gehts.
Vielleicht drei Kilometer weiter. Mal sehen ob die Startnummer noch fest ist. Mist, wo ist sie? Stopp! Die Gedanken rasen zurück. Sauber abgerollt – über die Gürteltasche und somit über die Startnummer. Zurück? Drei Kilometer sicherlich. Wieder bis hierher sind schon sechs. Plus 42 macht 48. Liegt die Nummer noch da? Vielleicht hat sie schon einer mitgenommen. Wenn ich ihn verpasse, dann sind die sechs Kilometer vergebens. Weiter, laufen kann ich auch ohne Nummer.
Was ist im Ziel? Die brauchen die Nummer. Welche Nummer hatte ich? Ich weiss nicht wie viele Läufe ich schon absolviert habe ohne auch nur einmal die Nummer anzuschauen. Wie war die Nummer. Ich laufe noch mal in Gedanken ins Zelt und sage meine Nummer 7 – 5 – 4. Weiter geht, Kilometer um Kilometer.
Kilometer 21. Meine Uhr zeigt etwas über 1:40. Super. Wie war die Nummer 754. Eigentlich gut zu merken. Da fehlt nur die sechs. Inzwischen brennt die Sonne ganz schön. Die Wälder spenden Schaden, aber in den Wiesen ist es zu warm. Es läuft immer noch bestens.
754 Kilometer dreißig. Langsam spüre ich meine Beine. Alle fünf Kilometer ist eine Verpflegungsstelle. Nehme mir Zeit zum Trinken. Den ersten Becher für die Kehle, den Zweiten für den Rücken, den dritten wieder für die Kehle – weiter geht’s.
754 Kilometer 37. Die Beine werden schwer. Der Kopf läuft und spornt die Beine an. Noch fünf Kilometer, nur noch fünf. Noch eine halbe Stunde.
Kilometer 40. Die Beine wollen gehen, aber der Kopf lässt dies nicht zu. Ich gehe noch mal den Zieleinlauf durch. Vorn wird jemand die Zeit nehmen. Wenn er meine Zeit nimmt, dann müssen sie auch meine Nummer aufschreiben, sonst stimmt die ganze Zeitnahme nicht. 754 – ja so muss es gehen. Am Zieleinlauf stehen hunderte Leute und feuern uns an.
„Die Nummer nach vorn“
Können vor Lachen – renne was noch geht.
Noch mal „Die Nummer“
Ziel
„Wo ist Deine Nummer?“
„Hab ich verloren – wer schreibt die Nummer hier auf“
„Ich“
„7 – 5 – 4“
„Das interessiert mich nicht. Ich brauche nur die Nummer“
Ich bin sprachlos. Vielleicht liegt es an den 42 Kilometern oder der Sonne, aber ich verstehe das nicht. Habe ich nicht eben ihm die Nummer gesagt?
Ich versuche es noch mal – ganz langsam
„7“
„5“
„4“
Er malt eine Sieben
„fünf“
„vier“
Geschafft. Nach 3:35:07,3 Stunden 42 Kilometern und 195 Meter und einem Nummernaufschreiber.