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Von nun an geht es bergab

(Holger Liebmann)


Angekommen. In 3:25:15. Mit müden, schmerzenden Beinen. Warum tut man das? Für nicht Läufer wohl nur schwer zu begreifen. Warum fährt man mit einem Zug auf einen Berg, nur um dann wieder herunter zu laufen und das auch noch so schnell es geht? Wenn man den Marathon alleine betrachte macht das sicher auch keinen Sinn. Aber der ist nur die Bestätigung des Trainings der letzten Wochen, Monate. Wie schön sind die langen Läufe am Sonntag, oder das Treffen mit Freunden beim Laufen.

Der Marathontag beginnt am Samstag mit dem Fußmarsch zum Bahnhof. Vor einem Cafe sitzt ein gewichtiger Mann.
„Einen guten Lauf. Ich wünschte das könnte ich auch.“
„Auch Sie können das, wenn Sie wollen!“ bekommt er von mir zur Antwort. Nur wenn er vor dem Cafe sitzen bleibt und seinen Kuchen ißt, wird das nichts. Das sage ich ihm aber nicht. Schon bin ich an ihm vorbei.

Auf Gleis 1 steht schon der Sonderzug zum Brenner. Als er sich pünktlich 14:34 Uhr in Bewegung setzt sind noch viele er Sitzplätze noch frei. Zur mir setzen sich zwei Tiroler. Das übliche Läufergespräch beginnt  – Wie war das Training – wie ist die Strecke – Renntatik – Wobei kein Läufer mit der Wahrheit rausrückt oder der Antwort ausweicht -  Auch meine zwei Nachbarn.
„Mal sehen - wenn es geht unter 4 Stunden – Hauptschache ankommen.“ Beide wünschen sich sicher mehr und befürchten schlimmeres.

Schon die Fahrt zum Brenner ist ein Erlebnis. Auch nicht Läufern zu empfehlen, wenn sie mal in Innsbruck sind. Die Bahnstrecke schlängelt sich, wie in einer Modeleisenbahnlandschaft am Rande des Tales bergauf. Immer wieder fährt unser Zug durch einen der vielen Tunnel um danach den Blick auf das Tal freizugeben. Tief unten liegen einzelne Bauerhofe und kleine Ortschaften. Tief unter uns ragt ein Kirschturm in die Höhe. Auf der anderen Seite des Tals läuft die Bundesstraße, auf der wir nachher hinunter wollen. Hoch über der Bahnstrecke verläuft die Autobahn durch das Tal. Welcher Aufwand muß der Bau gewesen sein.

Nach den drei Stops an den Wechselpunkten der Staffelläufer, erreichen wir die Bahnhof Brenner. Die Masse strömt nach links. Vor zwei Jahren war der Start rechts im Ort. Ich vertraue der Masse und erreiche so den Parkplatz mit der ersten Verpflegungsstelle, Musik und kleiner Bühne. Wo ist der Start? Kein Startbogen, keine Linie auf dem Boden. Der Parkplatz wird begrenzt von einem kleine Sportplatz und einem Restaurant. Der Zugang bilden zwei Brücken über einen kleine Bach die direkt auf die Bundesstraße führen. Alles nicht geeignet für den Start eines Marathons. Es ist noch über eine Stunde Zeit um in Erfahrung zubringen wo für mich der siebet Marathon startet. Die Wartezeit wird verkürzt durch Musik, die Tanzgruppe, Essen und Trinken. Eine halbe Stunde vor dem Start trabe ich ein paar Runden auf dem Parkplatz. Beschleunig dann auf gewünschtes Renntempo. Sind die Schuhe fest oder gar zu fest gebunden? Wie fühle ich mich? Schuhe i.O. Die Beine wollen schneller als ich es ihnen zu lasse. Die letzte zwei Wochen habe ich recht wenig gemacht. Der Bauch ist recht voll. Vielleicht war der zweite Teller Nudel heute Mittag doch zu viel? Ist jetzt nicht mehr zu ändern. Ich trinke noch was und gleich meldet die Blase Überfüllung an. Gut! Der Wasserhaushalt ist im grünen Bereich.

Wo ist den jetzt der Start? Auf der Bundesstraße läuft immer noch der Verkehr bis vielleicht eine viertel Stunde vor dem Start. Das Stoppen des Verkehrs ist der Startschuß zum Aufbau des Startbogens. In kürzester Zeit steht der Bogen aus einem Alugestänge auf der Bundesstraße. Jetzt sortieren sich die Läufer dahinter. Ich stelle mich wie gewohnt weit hinten im Feld der vielleicht 500 Staffel- und Marathonläufer auf.

Los geht’s . Wie wird der Lauf. Trotz der guten Vorbereitung kann es zum Scheitern kommen. Ich will versuchen meine Bestzeit zu verbessern. Jeden Kilometer unter 4:39 Minuten, geht  das auf dieser Strecke? Geht es heute? In einer leichten Steigung geht es in die erste Runde durch die Grenzstation und den Ort Brenner. Nach kaum tausend Meter steht ein Läufer am Rand, die Hände auf die Knie gestützt. Das ist ein sehr frühste Ende des Marathons. Vielleicht sind die 24°C und die hohe Luftfeuchtigkeit schuld. Aber da muß noch mehr falsch gelaufen sein. Ich überhole den Luftballon mit der Zielzeit 4:00 Stunden. Vor mit tanz der nächste Ballon die Zeit kann ich aber nicht erkennen. Ich laufe etwas über der gewünschten Geschwindigkeit. Die paar Sekunden jetzt fallen bei 42 Kilometer nicht auf, sparen aber die Kraft für die letzten Kilometer.

Die erst Wasserstelle in der Höhe des Parkplatz vor dem 4ten Kilometer aufgebaut. Mein Hals ist schon trocken. Eine junge Helferin hält mir zwei Becher in meine Laufbahn. Ausweichen geht nicht das Feld ist noch recht dicht zusammen. Den linke schnappe ich mir, den rechten erwiche ich mit der Schulter.   Der Innhalt entleer sich auf ihrem T-Shit. Den Fluch höre ich schon hinter mir und denke, schade ums Wasser mein Shit hätte es nötiger gehabe. Nur durch schnelles Ducken kann ich dem Schwamm und der Hand daran in meiner Augenhöhe ausweichen.

Ich passiere das Staatsschild von Österreich, von nun an geht es bergab. Die ersten Kilometer nach der Grenze sind gerecht steil, bis zu 10% geht es bergab. Seit Wochen trainieret ich genau führ diesen Moment. Nur nicht zu schnell, Schrittlänge verkürzen, Hände tief und nicht ins „Rollen“ kommen. Viele Läufer schießen an mir vorbei. Holger, laß sie laufen. Eine langgezogene Linkskurve gibt den Blick auf das Feld frei. Da unten sehe ich den Luftballon. Sollte das der 3:30-Läufer sein? Dann ist er zu schnell! 3:00 Stunden? Unwahrscheinlich.

Das Feld hat sich aufgelöst. In kleinen Gruppen oder einzeln traben alle dem Ziel entgegen. Ich laufe genau im Wunschschnitt. Läuft super. Ein viertel haben fast wir schon. Bei Kilometer 10 trabe ich durch Gries nach kapp unter 47 Minuten. Super Zeit. Ich rechne hoch. Würde für eine neue Bestzeit reichen, aber kann ich das Tempo halten? Ich entdecke am Rand die blauen Schilder mit den Kilometerangaben der Bundesstraße. 32,6 Zufall? Das nächste Schild verkündet 32,4? Das paßt zu den noch zu laufenden Kilometern. Alle 200 Meter eine Kilometerangabe, bei welchem Lauf hat man das schon?

Langsam ziehe ich mich von Läufer zu Läufer nach vorn. Überholen macht doch Spaß. Ich selber werde kaum überholt. Wer schneller ich lasse ich auch ziehen. Ich laufen meinen Schnitt um die 4:30 min./km. Kilometer 13, in einer Stunde. Super! Ich Spüre die Muskeln direkt über dem Knie. Das die der Pries des Bergablaufens. Kilometer 14, knapp unter 1:05 Stunde. Ich rechne hoch auf die Marathondistanz. Super, das würde reichen.

Wir näher uns Steinach. In einem Ortsteil sprinklert die Feuerwehr die Straße ich nutze die Abkühlung. Noch bevor ich Steinach, nach gut drei Kilometer erreiche ist das T-Shirt fast trocken. Einer er Läufer vor mir stoppt um schnell ein Bild zu machen der Ortsdurchfahrt zu machen. Nach der Wechselzone gibt es was zu trinken. Mit dem dargebotenen kühle ich Kopf und Shirt wieder. Obwohl die Sonne sich im Dunst der aufziehenden Wolken verzieht ist es eigentlich zu warm zum laufen. Ich hoffe nur das es trocken bleibt. Vor zwei Jahren bin ich die letzte Stunde im strömenden Regen gelaufen.

Schnell ist der kleine Ort hinter uns. Weit kann man ins Tal nach rechts schauen. Viel Bauerhofe verteilen auf Abstand achten den Hängen hinauf. Die Strecke ist flacher geworden. Weiterhin auf die Geschwindigkeit achtend lasse ich es laufen. Kilometer 17 – noch drei bis 20
Kilometer 18 – noch zwei bis 20
Kilometer 19 – gleich habe ich die 20

Matrei – Halbmarathon – unter 1:40 – was trinken – Kopf und T-Shirt kühlen – und weiter geht’s. Hier war vor zwei Jahren die Luft raus. Heute geht es weiter jeden Kilometer bisher unter 5 Minuten, meist schneller. Ich spüre meine Beine. Die Hälfte habe ich. Machen die Beine weiter hin mit? Achte auf die Armschwung. Lasse mich von den Zuschauern weitertreiben. Hinter dem Ort ist wieder Ruhe. Nur meine eigenen Schritte sind zu hören. Die nächsten Läufer vor mir oder hinter mir sind zu weit weg um sie zu hören. Nur noch das Rauschen des Windes im Ohr.

Weiter, weiter bergab. Die Oberschenkel sind zu spüren.
Kilometer 24 – in 4:15 – zu schnell, aber auch gut das es nach 24 km noch so schell geht.
Kilometer 26 – noch vier bis zur 30

Hinter Schönberg kreuze die Bundesstraße die Europabrücke, eine wahrlich riesige Autobahnbrücke. Die Strecke wird sehr kurvenreich. Rechts, links, rechst geht es steil bergauf und links bergab, mitten durch den Wald. Bis ich den nächsten Mitläufer reiche vergehen Minuten.

Letzte Staffelübergabe auf freier Strecke vor der Brücke. Tief unten tröste der Bach. Ich laufe immer noch in meinem Limit, muß aber um die Sekunden kämpfen. Die Beine werden immer schwerer.

Kilometer 35 – noch 7
Kilometer 36 – noch 6
Kilometer 37 – noch 5 langsam wird es Zeit, daß Schluß ist.

Kilometer 39 – da unten liegt Innsbruck. Toller Blick über die Stadt. Die Bein schmerzen. Im linken spüre ich den drohenden Krampf. Ausgereichnet diese Stück ist noch mal recht steil. Nehme alles Tempo, raus hilft nicht. Jetzt eine Krampf und die letzten zwei Kilometer werden verdammt lange. Ich gehe ein Stück. Bestzeit ist nicht mehr drin, jetzt geht es nur noch um das Ankommen. Gut ankommen. Vielleicht unter 3:30. Ich trabe wieder an. Langsam, langsam nur ankommen ohne Krampf. Der Ergeiz setzt das Ziel auf unter 3:30. Das ist noch drin, wenn ich nicht mehr gehen muß.

Die erst große Kreuzung von Innsbruck wird von der Polizei gesichert. Vier Sturen müssen wegen mir stoppen. Weiter.
Kilometer 41 - noch gut 1000 Meter. Das ist zu schaffen.
Immer mehr Läufer überholen mich. Egal, laß sie laufen. Vor mir ein Fußgänger. Die Zuschauer versuchen ihn wieder zum laufen zu motivieren, er winkt nur ab. Ich verstehen ihn. Überhole ihn langsam.

Kilometer 42 – noch 195 Meter
Ich trabe schon in der Zielschleife. Die Masse treibe die Läufer ins Ziel. Noch eine Wende. Werde von dem überholenden Läufer fast umgerannt. Na, soll er doch. Wenn er vor mir über die Startlinie ist bringe es ihm nicht viel.

Ziel erreicht. Gut erreicht. Keine neue Bestzeit, aber persönlicher Streckenrekord. Zeit ist super. Heute, ein Tag nach dem großen Lauf geht es mir deutlich besser, wie vor zwei Jahren – auch das ich ein Erfolg.

Vielleicht kann man auf dieser Strecke auch keine Bestzeit laufen. Der Erst ist zwar eine Stunde vor mir ins Ziel, aber auch er hat für die zweite Hälfte 6 Minuten mehr gebrauch, wie für die erst. Was sind da meine 12 Minuten. Aber kaum einer kann sein Tempo hier halten.

 


Lauftreff Butzbach  |  thomas@lauftreff-butzbach