Rostock 2006

 

Diesmal beginnt der Marathon für mich schon einige Stunde vorher spannend zu werden. Ab 10:00 Uhr soll es die Startnummer auf dem „Neuen Markt“ geben. Als alter Rostocker weiss man, das ist der Platz vor dem Rathaus. Dank meinem Navigationssystem finde ich auch ohne einheimische Hilfe ein Parkhaus in der Nähe. Der Platz vor dem Rathaus ist auch schnell gefunden, da es aber kein Hinweis des Veranstalters gab, wo es denn nun genau die Startnummern gibt, geht das Suchen los. In dem Zelt vor dem Gebäude in dem die Touristeninformation unter gebracht ist, gibt es nur eine Miniläufermesse. Erst vor dem Rathaus findet sich ein Hinweis darauf, dass es hier die Startnummern geben soll. Hoch in den ersten Stock. Eine riesen Schlange an Läufern wartet im Treppenhaus auf die Ausgebe der T-Shirts die es für jeden Läufer kostenlos gibt. Ich drängle mich an ihnen vorbei in den Saal wo es die Startnummern gibt. Am Tisch mit der Aufschrift „Marathon“ war fast nichts los. An den anderen Tischen – „Staffel – Halbmarathon – Inliner - und ich weiss nicht was noch ....“ – ist das Chaos ausgebrochen. Die Schlange der T-Shirts-Abholer ignoriere ich. Um hier schnell wieder raus zukommen verzichte ich gern auf das Baumwollshirt. Unten an der Information lausche ich noch einem Gespräch zu was die Stimmung im Rathaus wieder gibt.

„Wo kann ich meine Eigenverpflegung abgeben?“ fragt der drahtige Läufer.

„Oh, das tut mir leid, leider gibt es keine Eigenverpflegung.“ Sagt die junge Frau

„Man hat mich aber zu Ihnen geschickt!“

„Häää, ja da müssen Sie wieder hoch ....“ Versucht sie sich zu retten.

„Da komme ich gerade her.“ Brummt der Läufer

Den restlichen Verlauf des Gespräch habe ich nicht mehr mitbekommen. Nur raus hier.

 

Im Cafe sammele ich Mutti ein und dann geht zum leckeren Mittagessen zu einer Freundin.

 

Mutti hat keine Lust auf Marathon gucken – kann ich auch verstehen – 3,5 Stunde warten bis ich meine Runde durch Rostock und Umgebung beendet habe. Also bringe ich sie zurück zur Pension auf dem Darß eine Halbinsel nahe Rockstock. Für die ca. 30km hatte ich bestimmt nicht über eine Stunde eingeplant die ich auf Grund des Verkehrs brauche.

Schnell umziehen und zurück. Ich spring ins Auto Rückwärtsgang rein und vorwärts geht’s. Stop rückwärts bitte. Nein, das Auto fährt nur noch vorwärts, was zur Zeit gar nicht erwünscht ist. Tür auf dann stemme ich mich in den Türrahmen. Der Besitzer der Pension bietet mir noch sein Auto an, da ich übernacht in Rostock bleiben will, lehne ich das ab. Vorwärts fährt das Auto, aber auch der erst Gang ist nicht mehr da. So fahre ich immer im zweite oder ich weiss nicht welcher Gang an.

 

Eigentlich wollte ich bis 16:00 Uhr wieder in Rostock sein, ab da sollten die ersten Straßen gesperrt sein. Welche Straßen ab wann gesperrt werden? Selbst der Streckenplan des Marathon hilft bei der Frage nicht weiter. Ich hab den Plan meiner Rockocker Freundin – gezeigt, den genauen Wortlaut weis ich nicht mehr – sinngemäß

„Wo ist denn hier Rostock.“

Selbst die Warnow, der Fluss durch Rostock, mit dem großen Hafen, war auf dem ersten Blick nicht zu erkennen.

Bei dem morgendlichen Besuch in der Stadt, hatte ich einen Schotterparkplatz keine fünf Gehminuten vom Start gefunden. Schon vor der Warnow begann das Chaos. Die Polizei hatte die B105 eine vierspurige Straße an der Brücke gesperrt. Die ersten Läufer werden hier in zwei Stunden sein. Ich weiss nicht wie lange ich gebraucht habe um links abzubiegen, aber mit einem Auto das nicht richtig fährt und dem drohenden Startschuss im Ohr, kam mir das wie eine Ewigkeit vor. Gut eine Stunde vor dem Start stehe ich endlich auf am Parkplatz.

 

Ausatmen, einatmen. Puh. Noch was essen, was trinken und dann zum Rathaus. Die einen laufen sich warm, andere stehen sich vor den Dixis, der Markplatz ich voller Menschen. Der Start ist in der Mitte, aber in welche Richtung wird es gehen?

 

Noch eine viertel Stunde. Ich stelle mich auf die Seite wo die meisten Läufer stehen.

„Die Hände in die höhe.“ Ruft der Sprecher, den aber fast alle ignorieren.

Ich will laufen! Will meine Ruhe. Nicht die Hände zur Musik heben.

Wie üblich werden die letzten 10 Sekunden vor dem Start herunter gezählt.

„.... drei – zwei – eins ...... „

Nichts passiert. Der Kanonier mit seinem mittelalterlichem Schießprügel hat seine Einsatz verpasst.

„Jetzt“

PENG

Die Meute quält sich durch die Startschleusen, die die Zeit nehmen sollen. Die breite Straße hoch um die Straßenbahnhaltestelle und zurück. Endlich laufen. Das kleine Feld hat sich schnell sortiert. Vergessen ist das Auto, der Stress im Büro, der Stau vor Rostock, es gibt nur noch die 42,195 km.

Unten an der Hafenstraße kommt von hinten ein Notarztwagen im Einsatz gefolgt von einem Rettungswagen. Das Läuferfeld drängelt sich im Rinnstein. Frage mich wie diese Situation in Frankfurt bei Kilometer zwei ausgehen würden.

Den Radweg zurück. Am Hafenbecken entlang. Schiffe gucken.

„Auch aus Hessen?“ fragt der Träger des gelben Trikot, der wohl die Aufschrift auf meinem Vereins-Shirt gelesen hat.

„Ja. Wo kommst Du her?“

„Kassel, bist her gekommen zum Marathon?“

„Ja, und einwenig Urlaub.“

Locker zieht er an mir vorbei. Versuche mich dran zuhängen, aber er ist mir zu schnell und so lasse ich ihn ziehen.

Verdammt immer noch kein Kilometerschild gesehen. Ham sie die vergessen? Ich laufe nach Puls, das wird auch gehen – hoffe ich.

„Noch 38 Kilometer.“ Grüßt endlich ein Schild.

‚Warum kann man nicht einfach vorwärts zählen? Was ist mit den 195 Metern? Sind die jetzt schon drin? Das macht auch noch mal ca. 1 Minute! Wie schnell bin ich?’

„Noch 37 Kilometer.“ Zeigt das Schild und die Uhr unter 4 Minuten!

‚Verdammt ich bin viel zu schnell’ denke ich und mache deutlich langsamer. Hoffe dass ich nicht zu schnell gestartet bin, aber das wäre auch zu spät.

Noch eine Schleife im Hafen und dann geht es über die Warnow. Die einzeige wirkliche Steigung bei diesem Marathon. Hier habe ich vor über zwei Stunden im Stau gestanden. Jetzt geht hier nichts mehr. Ob alle Läufer zum Start gekommen sind?

Noch nicht einmal zehn Kilometer und die Sanis an der Steigung betreuen einen Läufer der käseweis an Weg in den Armen einer Sanitäterin liegt. Ich habe mal gelernt, dass Beine hoch gut wäre. Renne weiter.

Das Tempo ist jetzt in Ordnung. Wir laufen durch die Rostocker Vororte. Kleine Stimmungsnester säumen den Weg ansonsten kann man die Stecke in Ruhe genießen. Da kommt wieder eine Verpflegungsstelle. Iso, Wasser

„Dein Schuh ist auf.“ Rufe ich dem Läufer der mich überholt nach. Seine Fahrtbegeleitung sagt:

„Das weiss er schon.“

Bei jedem Schritt zieht er den rechten Fuß so hoch es geht, um nicht auf die Schnürsenkel zu treten. Gesehen habe ich ihn nicht mehr, nach dem ich ihn aus den Augen verloren hatte. Anscheinend kann man auch mit offenen Schuhen Marathon laufen.

Wieder einen Verpflegungsstelle. Wasser, Iso – das war doch eben anders herum. Apfel? Nein, danke! Ich vermisse immer noch den Wasserbottich für meinen Schwamm, aber darauf muss ich wohl weiter verzichten. Zum Glück sind die gut zwanzig Grad und leichter Wind ideal zum Laufen, aber wir haben Hochsommer.

„Noch 18 Kilometer“

Ich fliege an Schlussläufer des Halbmarathons vorbei. Der Halbmarathon ist erst zwei Stunden nach dem Marathon gestartet, dennoch hatte ich nicht damit gerechnet so früh den ersten Läufer zu „überrunden“

Danach geht es durch den Warnow-Tunnel wieder auf die andere Seite. Ein paar jugendliche Streckenposten nutzen den Tunnel als Schallkörper für ihr Autoradio um Stimmung zumachen. Dann wieder Ruhe.

„Noch 15 Kilometer“

Noch gut eine Stunde. Noch traben ich locker dahin. Da das gelbe Trikot kenne ich. Der Kasseler sieht nicht gut aus.

„Komm mit“ versuche ich ihn aufzumuntern.

„Geht nicht mehr. Bin platt.“

„Ich wart auf Dich.“ Und ziehe davon.

Die Zwischenzeiten werden immer länger. Bestzeit ist immer noch drin.

‚Lauf, Holger, lauf’

Noch was trinken. Weiter geht es. Ewiglang geht es über die Ausfallstraße wieder in die Innenstadt.

Die Beine werden schwer. Schmerzen.

„Noch 7 Kilometer“

Noch mal laufen was geht. Die Zwischenzeiten sind noch mal ganz gut. Immer noch der Bestzeit vor Augen.

„Noch 5 Kilometer“

Schluss es geht nicht mehr. Der linke Oberschenkel droht mit einem Krampf. Ich habe ein Einsehen mit dem Laufgestänge und nehme das Tempo raus.

„Noch 4 Kilometer“

Hier rechts steht mein Bett. Inzwischen werde ich durchgereicht. Staffelläufer lassen mich schier stehen.

„Noch 2 Kilometer“

Endlich. Ich mag nicht mehr. Noch zwei Kilometer. Nur noch zwei. Noch mal ein Becher Wasser. Dann die Rampe zur Stadt hoch. Nein, ich gehe nicht. Noch mal die Schleife um die Straßenbahnhaltestelle herum.

„42 Kilometer“

Jetzt sind nur noch 195 Meter. Wieder mal geschafft. Schwerer Lauf. Warum? Wer weiss? Vielleicht am Anfang zu schnell. Vielleicht die Stress im Büro. Vielleicht der falsche Tag. Egal, geschafft. Knapp unter 3:36 netto. Mach anderer schafft die Zeit nie.

 

Jetzt was trinken, in Ruhe. Was essen. Setzen. Aber wo? Mir ist kalt. Muss jetzt „schnell“ zum Auto um mir was anzuziehen. Mein Auto schafft es noch bis zu meinem Bett. Morgen soll sich der ADAC drum kümmern.

 

Holger Liebmann, August 2006