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23. Marathon du Medoc, Samstag 8. September 2007

Harald und ich hatten schon einiges Positives über den „Rotwein-Marathon“ gelesen und erzählt bekommen. Da wir gerne im Winter vor dem Kamin ein Gläschen Rotwein genießen, kam uns bei Selbigem die Idee auch mal an so einem Spaß- bzw. Genussmarathon teilzunehmen, was mit einem Sommerurlaub in Frankreich gut zu verbinden wäre.

Bereits im Januar d.J.  meldete Harald uns für diesen Lauf an, da für Ausländer die Startplatzgarantie begrenzt ist. Mit der Anmeldung muss auch ein ärztliches Attest beigelegt werden, was unser Hausarzt, der selber Marathonläufer ist, gerne ausgestellt hat. - Dies soweit zur Vorgeschichte -

 

Freitag, 7. September 2007 in Pauillac:

Morgens gegen 11.00 h sind wir von unserem Campingplatz in Hourtin aus nach Pauillac gefahren, um unsere Startunterlagen abzuholen. Pauillac ist Weinliebhabern ein Begriff, da hier in der Nähe die weltbekannten Güter Chateau Mouton-Rotschild, Latour- und Lafite-Rotschild liegen.

Auf dem Messegelände herrschte schon reges Treiben. In einer Turnhalle (hier spielte eine Lifeband Jazz) nahmen wir unsere Unterlagen entgegen.

Da dies ein Marathonlauf der besonderen Art ist, interessierten uns diesmal nicht die Laufartikel, sondern eher die Weinprobe.  An der Uferpromenade hatten sich diverse Weinhändler postiert um ihre Weine feilzubieten. Harald und ich konnten nicht widerstehen und verköstigten den einen oder anderen guten Schluck Rotwein. Außerdem war es die Gelegenheit, die eine oder andere Flasche für zu Hause mitzunehmen.

Es gab natürlich nicht nur Rotwein zu verköstigen sondern natürlich auch die guten Austern, bei dessen Anblick Haralds Augen leuchten und die Magensäfte sich regten. Sechs Austern bei einem Schluck Weißwein mussten noch vertilgt werden, bevor wir uns wieder zu unserem Campingplatz aufmachten. Somit wurde die Vorfreude auf den morgigen Marathonlauf bzw. Genusslauf immer größer!

 

Samstag, 8. September 2007 – der Marathonlauf

Da gegen 8.00 h morgens diverse Straßen in Pauillac gesperrt wurden, machten wir uns schon gegen 6.30 h auf den Weg, um dort noch recht zentral parken zu können. Da der Start erst gegen 9.30 h geplant war, gönnten wir uns in Pauillac in unserem Euroliner noch ein Nickerchen. Gegen 8.00 h suchten wir das stille Örtchen. An der Uferpromenade standen 6 geräumige WC-Häuschen, aber nur eines davon war geöffnet!! Dieses war, zu unserem und vieler anderer Leidwesen, auch noch schnell verstopft. Gott sei Dank fanden wir ein öffentliches WC, was noch zu benutzen war.

Harald machte vor dem Start noch diverse Stimmungsbilder, bevor wir uns dann für den Lauf präparierten. Das Wetter war zwar sonnig, aber der Wind recht heftig und frisch! (Ich hatte leider vergessen die „Plastiksäcke“ zum Warmhalten mitzunehmen.) Die meisten, die hier an den Start gehen, sind verkleidet. Harald und ich entschieden uns angesichts der bevorstehenden Hitze für normale Laufkleidung. Unsere Verkleidung war die Hessentags-kappe, die uns gute Dienste gegen die Sonne leisten sollte.

Am Start sahen wir dann die vielen Maskierten: Männer als Frauenballet, Indianer, Fischer, die auch das Fischerboot über die Laufstrecke schleppten. Straßenarbeiter mit der entsprechenden Dampfwalze, die ebenfalls bewegt wurde. Rittersleute, Männer als Kellner, Frauen als Serviererinnen, Männer und Frauen als Kuh bzw. Rind verkleidet und vieles mehr. Ach ja, den Nikolaus gab es auch. Es war leider nicht Thomas! Es war schon schön anzuschauen und entsprechend war auch die Stimmung vor dem Start, richtig locker und gelöst. Keiner tippelte nervös auf der Stelle herum.

Der Start verzögerte sich natürlich. Die Kapelle wollte nicht aufhören zu spielen. Die zugehörige Geigerin wurde an einem Kran über den Läufen in die Luft gehoben. Alle sangen: Oh Susanna! Gegen 9.50 h ging es dann endlich auf die Strecke. Durch Pauillac musste sich die Masse von ca. 8.000 LäuferInnen im wahrsten Sinne des Wortes hindurch schlängeln. Oft blieben wir auf den ersten Kilometern immer wieder stehen, da einfach kein Vorwärts kommen möglich war. Die Bestzeit war schon auf den ersten Kilometern verschenkt, aber das spielte heute überhaupt keine Rolle! Noch in Pauillac gab es die erste Weinprobe. Danach ging es durch die Weinfelder zu den ersten Chateaux, wo die Probierstände schon reichlich bevölkert waren und viele bereits etliche Schluck Rotwein intus hatten.

Harald und ich blieben hart und ließen bis zur Halbmarathonmarke die Rotweinstände links bzw. rechts liegen (auch wenn es schwer fiel). Wir wollten etwas Zeit gut machen, um die letzten Kilometer länger genießen zu können. Wir konnten aber machen was wir wollten, bei Km 10 zeigte die Uhr 1:14 h, die Halbmarathonmarke erreichten wir bei 2:27 h. Reichlich ausgestattete Versorgungsstellen, die permanente Fotografiererei und das „Düngen“ der Weinfelder ließen kein gleichmäßiges und höheres Tempo zu. Viele sind schon ab Km 10 gegangen. Dies ist eben ein gemütlicher Marathon.

Nach der Halbmarathonmarke mussten wir erst noch einen Anstieg bewältigen, bevor wir uns endlich auf den ersten guten Schluck Rotwein im Chateau Grand-Puy-Lacoste freuen konnten. Die Atmosphäre in den Chateaux war durchweg überwältigend. In jedem Chateau gab es eine Musikband, die Rock- aber auch einmal Klassikmusik spielte. Manchmal hätten wir lieber in den schönen Parks verweilt und getrunken, um die Atmosphäre länger zu genießen. Wir mussten uns immer wieder einen kräftigen Ruck geben, damit wir wieder weiter liefen. Das Zeitfenster liegt bei diesem Lauf zwar bei „sagenhaften“ 6:30 h, ist aber angesichts der vielen alkoholischen und kulinarischen Ablenkungen nicht gerade üppig bemessen. Und nur wer in die Wertung kommt erhält im Ziel auch eine Flasche Rotwein!

Je mehr Kilometer wir bewältigten, um so schwerer fiel uns das Wieder-Anlaufen-müssen. Gegen Mittag kam erschwerender Weise die brezelnde Sonne hinzu. Teilweise hatten wir Gegenwind, der Gott sei Dank etwas Kühlung brachte. Ach ja, Kühlung: manches mal kam ein Läufer (französisch sprechender Schweizer), der mit einer Blumenwasserspritze bei dem einen oder anderen Läufer – so auch bei mir – für Erfrischung sorgte. Auch andere LäuferInnen und Zuschauer sorgten für Stimmung. Erstere mit dem Schlachtruf „On n'est pas fatigué“ (man ist nicht müde), letztere mit dem Ruf: Courage, courage. Ein Bayer brüllte von hinten: „Das gibt’s doch nicht, Butzbacher!“ (Der war auf dem Hessentag.)

Wie gesagt, ab der Halbmarathonmarke sind wir es gemütlicher angegangen. Der Wein wurde entweder in stilvollen Wein- oder Wassergläsern bzw. Plastikbechern gereicht. Man konnte sich so viel nehmen wie man wollte (praktisch). Also bei diesem Lauf stimmt die Versorgung für jeden, auch für die, die am Schluss laufen. Wir genossen den roten Saft bei Km 23: Chateau Pontet-Canet, bei Km 27: Chateau Lafite-Rotschild, bei Km 33: Chateau Les Ormez de Pez und an diversen kleineren Rotweinständen, die in den Dörfern (teilweise kleine Volksfeste) aufgestellt waren. Die Hemmschwelle fiel mit jedem gelaufenen Kilometer tiefer!

Bei ca. Km 37 gab es leckeren Schinken. Dann kam bei Km 38 für Harald das Highlight des Laufes, die Austern (Huitres). Hier konnte man, wer wollte, sich das fischige Eiweiß in rauhen Mengen mit kühlem Weißwein einverleiben, was wir auch ausgiebig taten. Obwohl ich bis dato nicht so die Austernesserin war, schmeckten sie mir nach dieser Anstrengung doch. Abgerundet wurde das Menue dann bei Km 40 mit einem Entrecotes (und natürlich auch viel Rotwein). Hier liefen wir durch einen Pavillon-Tunnel, wo tolle Stimmung bei fetziger Musik herrschte. Es wurde nicht nur dem Fleisch gefrönt, sondern auch eine flotte Sohle aufs Straßen-Parkett gelegt. Es war die reinste Festzeltstimmung. Einfach klasse!!! Wie gesagt, es fiel immer schwerer sich wieder in und an den Laufrythmus zu gewöhnen. Viele MitläuferInnen gingen spätestens ab hier ganz gemütlich Richtung arrivée. Die Wenigsten liefen noch ein „flottes“ Tempo. Auch Harald und ich trotteten gemütlich voran, um bei Km 41 noch genüsslich ein Eis zu schlecken und einen Cocktail zu schlürfen. Nach ungefähr 5:42 Stunden liefen wir auf dem roten Teppich gemeinsam ins Ziel. Hier wurde uns zuerst die Medaille, die gute Flasche Rotwein, für die Läuferinnen eine Rose und zum Schluss ein Rucksack als Erinnerung an den schönen Marathonlauf überreicht.

 

Fazit: Es ist wirklich ein Marathon der besonderen Art, den man als LäuferIn mal erlebt haben sollte. An und auf der Strecke durchgehend tolle Stimmung! Zur Nachahmung empfehlenswert. Auch nach so einem Genusslauf ist man zufrieden müde. Denn auch solche Läufe birgen ihre speziellen Strapazen, die wir aber gerne in Kauf nahmen.

Wer nicht laufen möchte, dem kann man auch empfehlen, sich „nur“ als Zuschauer an die Strecke zu stellen oder bei dieser Gelegenheit sich die prächtigen Chateaux anzusehen. So haben wir einige gesehen, die von Chateau zu Chateau pilgerten. (Teilweise habe ich sie beneidet!)

Die Versorgung am Streckenrand war prima. Harald und ich hatten vorsichtshalber noch etwas mit auf die Strecke genommen, aber das mussten wir nicht anbrechen. Es gab Bananenstücke, Rosinen, süßes Gebäck mit Rosinen, Aprikosen, Orangenschnitze, teilweise Schokolade und viel Wasser. Wir vermissten süße Getränke – Iso und Cola aber auch Salzgebäck oder Salzbrühe. Anstelle von Iso gab man mir einen Becher Wasser, in dem ein Würfelzucker schwamm. Naja, besser als nichts.

Die Laufstrecke ist wirklich nichts für Bestzeiten, bei so einem Lauf sowieso blödsinn. Es ist teilweise schon recht wellig und das Geläuf an sich auch mit Vorsicht zu genießen. So hat man in den Parks der Chateaux oft tiefe Kieswege zu laufen, was auf Dauer die Füße noch müder macht, so dass wir später diese Wege teilweise gegangen sind. Auch in den Weinfeldern ist das Gelände ab und an recht uneben, so dass man genau hinsehen muss, um nicht mit dem Fuß umzuknicken. Von der Stimmung und der Landschaft her ist der Marathon aber prima. Man läuft auch „hinten“ nie alleine durch Weinfelder von einem Chateau zum nächsten und betrachtet diese schon aus der Ferne. Sie ragen dort wie majestätische Prunkbauten hervor. Wirklich ein sehr schöner Landschaftslauf. Zur Nachahmung empfehlenswert! Unser französischer Zeltnachbar war so angetan, dass er auch nach vier Tagen noch mit seinem Finishershirt herumlief.

 

Butzbach, 16.09.2007                                                   Doris und Harald

 


Lauftreff Butzbach  |  thomas@lauftreff-butzbach