Pacemaker
Nach fast zwei Monate Wettkampf-Enthaltsamkeit, wollte ich mal wieder sehen was die Beine hergeben. Der Laufkalender verriet, dass heute in Großen-Buseck (bei Gießen) ein Volkslauf sein würde. Relativ kurz entschloss ich mich den Halbmarathon zu laufen. Zielsetzung war ein schneller Trainingslauf, flott loslaufen und dann sehen was geht, ohne auch nur einen Gedanken an persönliche Bestzeiten.
Der Pistolenmann am Start bedauerte das kleine Starterfeld. Auch ich hatte mit einem stärkeren Feld gerechnet. So stehe ich hier mit höchstens 120 Starten zum Halbmarathon auf dem Feldweg. Mathias hat sich hinten im Feld aufgestellt. Ich stelle mich in ersten Drittel, hinter den ganz Schnellen auf.
Die Strecke führt nach, einem kurzen Stück durch die Wiesen vor Buseck, noch mal in den Ort, dem wir bei Kilometer 2 schon hinter uns lassen. Das Feld hat sich schnell auf gelöst. Nur noch kleine Gruppen und Einzelläufer laufen die leichte Steigung hinter den Ort hoch.
Die Sonne brennt uns in den Nacken. Bei Temperaturen um die 20°C freue ich mich schon auf das lange Streckenstück das durch den Wald führen wird.
Ein Streckenposten grüßt Jemanden aus meiner Verfolgergruppe. Eine Frauenstimme antwortet. Bin mir ziemlich sicher, dass vor mir keine Frau mehr läuft. Da ich keine Ambitionen auf eine neue Bestzeit heute habe, bin ich schon etwas überrascht, die erste Frau hinter mir zu wissen. Noch vor der ersten Verpflegungsstelle können wir – die erste Frau und ich – den Rest unserer kleinen Gruppe hinter uns lassen.
Der Hüter der Wasserschwämme begrüßt meine Begleiterin mit den Worten:
„Du bist die Erste“
Jetzt ist es amtlich. Eigentlich will ich sie ziehen lassen, doch heute läuft es wirklich gut. Bleib ihr weiter auf den Fersen. Kann sie sogar wieder überholen. Sie läuft genau mein Tempo im Windschatten mit. Zweihundert Meter vor uns läuft ein Mann im recht wenig Haaren auf dem Kopf. Den nehme ich mir zum Ziel. Zweihundert Meter können eine Ewigkeit sein, wenn der da vorne sein Tempo hält. Inzwischen traben wir durch den Wald. Meine Begleiterin und ich wechseln immer wieder die Führungsrolle, aber keiner kommt mehr als ein paar Meter vor den anderen.
Nach Kilometer 8 kommt noch mal eine Verpflegungsstelle, die ich vor her nicht auf dem Streckenplan gefunden hatte. Die Veranstalter haben wohl eine Einsehen mit dem Läufern bei diesen Temperaturen. Ein Becher in den Hals, ein Becher über den Kopf und den Schwamm über das T-Shirt ausgedrückt. Besser, aber Frau ist gut fünfzig Meter jetzt vor mir. Jetzt heißt es dranbleiben sonst wird die zweite Hälfe ein einsames Rennen, den hinter uns kommt lange nichts.
Es geht bergab, Vorteil Holger. Während Frau Bergauf mit ihren bestimmt 20kg weniger, locker hinauf stürmte, kann ich jetzt meine 20cm mehr Bein zum Zuge kommen lassen. Nach dem dritten bergab Stück habe ich sie wieder eingeholt. Der Glatzkopfläufer, den Frau inzwischen eingeholt hatte ist wieder gut hundert Meter vor uns. Die Strecke wird flacher. So als ob ich gesagt hätte:
‚Den kriegen wir noch.’
folgt sie mir auf dem Fuß während wir Meter um Meter in Vorsprung verkürzen. Dann haben wir ihn. Immer wieder versucht er das Tempo anzuziehen, aber uns wird er nicht mehr los. Und die Zwischenspurts machen ihn wohl auch müde, während wir unser Tempo gleichmäßig durchziehen.
Da meint Frau doch:
„Hoffentlich ist es nächste Woche in Mainz nicht so warm.“
Auf so eine Idee bin ich noch gar nicht gekommen, eine Woche vor einem Marathon noch mal einen Halben in diesem Tempo zu laufen. Nach dem die Strecke flacher wurde traben wir mit einem Schnitt um die 4:30 min/km.
Der Glatzkopfläufer musste sich inzwischen hinter uns einsortieren. Nach der letzten Wasserstelle geht es wieder zurück hinunter ins Dorf. Ins Feld kommt Bewegung. Während wir die „Einbrecher“ überholen kommt von hintern immer noch mal ein Endspurtläufer auf der Jagt nach einer neuen persönlichen Bestzeit – oder was auch immer. Noch 200 Meter. Hinter uns ist wieder eine große Lücke. Meine Begleitung zieht noch mal an. Will Frau ziehen lassen.
„Jetzt komm, Du hast jetzt solange den Pacemaker gemacht.“
Also doch Endspurt! Gebe noch mal Gas und folge ihr auf dem Fuß und komme hinter ersten Frau ins Ziel. Die Zeit mit 1:36 ist super bei der nicht ganz flachen Strecke.
Matthias fehlt noch. Er wollte über 2 Stunden laufen, als letzter Test vor dem Marathon in Würzburg nächste Woche. So hatte ich Zeit zum Trinken, Banane essen und Foto holen.