Ein Jahr Drei Stunden 7 Minuten 46 Sekunden

 
Vor einen Jahr stand ich mit einer kleinen Träne im Auge auf der anderen Seite der Absperrung, weil ich nicht mit laufen konnte. Am Samstag vor einem Jahr war ich nach genau neun Wochen zum ersten mal wieder gelaufen. Bis zum Forsthaus. Ging auch ganz prima, auch noch die Ebersgönser-Runde hintendran ging erstaunlich gut. Die 11 km wurden am nächsten Tag im einem mächtigen Muskelkater beschafft. Heute steht ich hier vor meinem neunten Marathon mit einem ganz großen Ziel. Wer hätte das vor 12 Monaten gedacht.
 
Das erste Ziel in diesem Jahr war der Weinstraßen-Marathon zu dem ich mich kurz bevor mich mir den Fuß brach angemeldet hatte. Der sollte zwar erst im April sein, aber ich war fünf Monate vorher fast bei null. Es gab zwar die Option sich noch für den Halbmarathon umzumelden, diese Entscheidung schob ich auf und wollte es versuchen mich fit zu machen für den Ganzen. Hatte ausgerechnet, wenn ich die Wochenleistung immer um zehn bis 15 Prozent steigere bis Ende März im Bereich des Marathon-Trainingsplan kommen könnte. Wochenlang habe ich meinem Fuß auch nicht getraut. Immer lief ich mit den inneren Ohr am Fuß, schwanken zwischen fit für den Marathon werden und ja nicht zu viel zu machen. Bis zum Ende des Jahres lief ich ohne Tempo und ohne Läufe über 1,5 Stunden, um einfach wieder Grundlage zu schaffen.
 
Anfang des Jahres fiel mir ein Artikel in einer Laufzeitschrift auf. „Wie werde ich schneller“. Oder so ähnlich. Schon viele dieser Artikel gelesen und alle verworfen, weil sie auf einem Niveau starten das ich wohl nicht mehr erreichen werde. Hier wurde die Theorie aufgestellt man solle Intervalltraining machen und ganz klein anfangen. Erst Woche an zwei – nicht auf einander folgenden Tage – 10 mal 15 Sekunden 90 Prozent der max. 10km-Renngeschwindigkeit und immer 1 bis 2 Minuten Pause. Hört sich nicht schlimm an. Kann man mal versuchen. Die Woche drauf nicht 15 Sekunden rennen sonder 20. Jede Woche fünf Sekunden mehr. Die Geschwindigkeit legt man selber fest, so passt der Plan auch für jeden. Für mich hatte es den Vorteil, ich konnte mich mehr fordern ohne meine Wochen-Kilometer um mehr als die 10 Prozent zu steigern.
 
Bis kurz vor dem Weinstraßen-Marathon haderte ich mit mir ob ich wirklich 42,195km laufen sollte und konnte. Der Testlauf in Friedberg drei Wochen vorher über 30 km lief sehr gut so war der Marathon auch kein Problem. Das Hochgefühl bei der Halbmarathon-Marke ist nicht zu beschreiben, ich war mir hier sicher ich werde es schaffen. Vor einem halben Jahr war mir nicht klar ob ich überhaupt noch mal so eine lange Strecke laufen könnte.
In Eberstadt zeigte das Intervall-Training den ersten kleinen Tempoerfolg. Über 5km neue persönliche Bestzeit – nur 8 Sekunden besser wie im Vorjahr, aber ich war wieder auf dem Stand wie vor meiner Verletzung.
 
Vor einem Jahr versprach ich mir in Frankfurt zu laufen, jetzt wollte ich nicht nur hier laufen sonder auch den auch einen neue Bestzeit. Man wächst mit seinen Zeilen, so legte ich die Latte auf 3 Stunden. Das die nicht unmöglich ist zeigen die Wettkämpfe – inzwischen aus dem Marathon-Training heraus über 10km, Halbmarathon und 30km alle in neuer Bestzeit.
 
Heute gilt es. Der Startschuss war untergegangen bei Schrei aus tausend Kehlen. Ich mittendrin. Man frag sich warum so viele Menschen 42km durch Frankfurt rennen nur um in der zweihundert Meter entfernten Halle einzulaufen. Erklären kann man es wohl nicht, nur erlaufen. Der Start ist immer spannend. Nur schön aufpassen und nicht fallen hinter mir kommen noch 10.000 Läufer. Nach der ersten Kurve habe ich immer die Uhr im Blick. Bin gut unterwegs vielleicht ein wenig zu schnell. Es läuft einfach super. Die Frankfurter Innenstadt bebt unter den Sambatrommeln. Kaum wird es hinten ruhig trommelt von vorn der neue Takt.
 
„Wo san mer den?“ Fragt es von der Seite. Ich bin mit mir beschäftigt. Kann die Worte erst im Nachfragen erfassen und antworte „Die ersten 6 haben wir schon“. Es läuft gut, super gut. Nach dem letzten lange Trainingslauf hatte ich meine Bedenken, ob mein Ziel vor heute nicht viel zu hoch gesetzt ist. Kilometer 10, 15 Kennedy-Allee schon auf der anderen Mainseite. Ich trinke an jeder Verpflegungsstelle ein wenig Tee oder Wasser. Gleich kommen die Kleingärtner und machen Party. Goldsteinsiedlung hier ist die Halbmarathon-Marke. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber die Zeit liegt im Bereich meiner gerade eingestellten Bestzeit. Mit den 3 Stunden wird es knapp, aber immer noch möglich. Ich bin ganz dicht dran.
 
Kilometer 30, knapp unter 2:10 – Bestzeit über 30km, hier bin ich sicher, in einer Stunde habe ich es geschafft. Mit dem lockern Laufen ist es nun vorbei. Der Kopf muss die Muskeln antreiben. Ewig lang ist die Mainzer-Landstraße. Es ging mir hier auch schon besser. Erst rechts, später auch links zieht immer wieder, wie von einem Stromschlag, ein kurzer Schmerz durchs Bein und kündigt einen Krampf an. Die neue Bestzeit ist mir sicher, wenn ich nicht stehen bleibe. Drei Stunden nicht mehr machbar. Jetzt nichts mehr riskieren und das Ding sicher Heim laufen. 3:05 oder 3:10 was macht das für einen Unterschied, der Erfolg ist so oder so riesig. Die Massen an Zuschauern auf dem Opernplatz treiben einen voran.
 
Laufe in die Festhalle ein. Nehme mir Zeit für die Stimmung. Halte meine Uhr bei 3:07:46 an. Puh, nicht zu glauben. Einfach glücklich mit mir und der Welt. Den heutigen Erfolg habe ich vielleicht der Zwangspause im letzten Jahr zu verdanken.
„Alle Dinge sind da möglich, dem der da glaubt.“
 
 
Liebe Grüße Dein (Euer) verrückter Läufer
Holger
 
oktober 2008