100 KM Biel. Nacht der Nächte. 9. und 10. Juni 2006
Infos unter www.100km.ch
…es folgt ein Zitat, ausgeliehen bei Laufreport: „Am 14. November 1959 fiel beim Schulhaus Alleestrasse in Biel-Madretsch um Mitternacht der Startschuss zum ersten 100-km-Lauf in Europa. 35 Teilnehmer nahmen die lange Distanz unter die Füße, davon konnten bei eher kaltem und nebligem Novemberwetter 16 rangiert werden. Der Sieger Hans Ruch aus Bern erreichte das Ziel in 13 Stunden und 45 Minuten. Franz Reist, der Gründer des 100-km-Laufs von Biel, hat mit diesem neuartigen Lauf einen Anstoß zu einer in dieser Zeit neuen Ultramarathonbewegung gegeben.“…den ganzen Bericht kann man unter www.laufreport.de/archiv/0605/biel/index4.htm nachlesen.
Einmal im Leben musst Du nach Biel schreibt Werner Sonntag in seinem Buch Laufende Vorgänge….
Und so geschah es etwa 5 Jahre nachdem ich zum ersten Mal Berichte von diesem legendären 100 KM-Lauf in die Hände bekam und sich der diesjährige Termin unaufhaltsam näherte, wusste ich dass ich mich anmelden musste. Der Rennsteiglauf war gut verlaufen und ich nutzte die 3 Wochen bis zum 9. Juni mit ruhigen regenerativen Läufen.
Dann endlich war er da der Tag der Tage: Das WM-Eröffnungsspiel, äh nee, ich mein das auch, aber danach der Start in Biel um 22.00 Uhr.
Der Weg in die Schweiz war Dank meiner Göttergattin als Begleiterin eine Wohltat, obwohl arbeiten bis um 12.30 Uhr dann schnell packen und losfahren war ein bisschen zu hektisch.
Trotzdem kamen wir nach knapp 5 Stunden rechtzeitig aufm Parkplatz in der Schwiez an, und gingen zum Eisstadion wo die Startnummerausgabe sowie eine Großbildleinwand aufgebaut waren. So konnten wir mit französich-switzerdütschen Kommentar den grandiosen Auftakterfolg unserer deutschen Götterkicker miterleben. Ausgerüstet mit der einprägsamen 1224 und einem extra ausgegebenem schweizerschwarzen Chip machten wir noch ein essendes Päuschen und ein kurzes Nickerchen.
Fahrradgeklapper und das geräuschvolle Abpflastern von Brustwarzen weckte mich um Halbzehn. Fahrradgeklapper ? Da eine Fahrradbegleitung ab KM 20 erlaubt ist müssen sich ca. 500 radelnde Begleiter ebenfalls die Nacht um die Ohren schlagen und die Strecke beleben, beleuchten und mit diversen Geräuschen bereichern.
Unsere Parkplatznachbarn schrauben eine halbe Stunde an ihrem Sattel herum, machten die Schraube kaputt und mussten sich von einem abgestellten Radl eine Popostütze ausleihen. Große Aufregung bei Läufer und Begleiter.
Sonja und Charly werden die Nacht schlafend in unserem Bus verbringen, so hat jeder seine Ruh….
Am Startbereich ist jetzt schon viel los. Verschiedensprachige Läufer mischen sich mit Wanderern und Soldaten in Uniform, teilweise mit Springerstiefeln und Marschgepäck/-gewehr. Sonderfall Schweiz halt…
2-sprachig (französisch/schweizerdeutsch) beschallen uns die Sprecher, und mit einem Pistolenknall wird der 48. Bieler 100er pünktlichst um 22.00 Uhr gestartet.
Im dichten Feld geht es die ersten 8-10 KM durch das abendlich, warme Biel. Viele Zuschauer und Kneipenbesucher in den Restaurationen am Wegesrand klatschen äußerlich, innerlich wird mancher denken: die hammse net alle.
Noch ist das Feld bunt gemischt, Wanderer, Soldaten und Läufer aller Couleur bilden die bunte Masse die sich dem ersten Anstieg auf dem welligen Rundkurs mit knapp 800 Höhenmetern entgegendrängt. Hier so bei KM 8 erreiche ich die erste Verpflegungsstelle, fast ebenso reichhaltig bestückt wie auf dem Rennsteig, nur der Schleim fehlt. Ich werde mich in den kommenden 11 Stunden an Wasser, Cola, Orangenscheiben und ein wenig Gemüsebrühe halten. Schon die ersten 15 KM lassen sich nicht so gut an, irgendwie scheine ich nicht so in Tritt zu kommen. Altbekannte Scheinschmerzen wandern von Muskel zu Gelenk und wollen mir weiß Gott was beweisen.
In Aarberg dann noch mal Riesenstimmung von hunderten Zuschauern, besonders die dicht besetzte, überdachte Holzbrücke jagt mir trotz Stimmungsdefizit wohlige Schauer über den Rücken. Ab hier wird es deutlich ruhiger, es geht ja auch auf Mitternacht zu. KM 20 passiere ich genau nach meinem Plan in 2 Stunden, ich will versuchen einen gleichmäßigen 6er Schnitt zu laufen. Hier treten auch die Fahrradbegleiter auf den Plan, die voll bestückt ihre Läufer unterstützen. Kurz vor Lyss dann links Chill-Out-Musik und dazu von rechts Kuhglockengeläut und grooviges Gemuuuhe. Ich will schon fast stehen bleiben und mir ein ruhiges Plätzchen suchen. „Hat jemand was zu rauchen ?“
Dennoch laufe ich weiter, der fast volle Mond scheint dazu. Grosse Stille rundum, wenig Gespräche, Dunkelheit, immer nur TappTappTapp. Ich fange an mich zu langweilen. Nein, kann doch nicht sein, das ist doch „der Lauf“. Aber heute schaffe ich es nicht, mich positiv zu beeinflussen. Verpflegungsstation. 5 KM Schild. Weiterlaufen. 1.00 Uhr Nachts, KM 30. Nur noch 70 KM….
Lange Geraden zerren an meinen Nerven, der Körper läuft automatisch, nur der Geist humpelt heute. Zu wenig Abwechslung ? Die ersten Marathonläufer, um 22.30 Uhr gestartet, fliegen an mir vorbei, die habens aber auch bald geschafft.
12 KM weiter haben es die Marathonis geschafft, meine Uhr zeigt 4 Stunden 10 Minuten und bei der vermeintlichen Halbzeit bei 50 KM liege ich nur 5 Minuten über den 5 Stunden. Ich vermindere mein Zeitziel auf 10:30 Stunden.
Aber es wird immer schwerer, die Verpflegungsstellen nutze ich zu ausgiebigen Pausen, wäre mir hier Sonja mit unserem Bus begegnet, hätte ich ohne zu zögern das Rennen beendet. Was war nur mit mir los. Reiß dich zusammen, schrie ich mich still an.
Langsam zog es in meinem rechten hinterem Oberschenkel, der Heuschnupfen plagte mich mit Atemnot. Asthma.
Krampf. Kampf. Krampf.
Hinter Kirchberg dann der berüchtigte Ho-Chi-Minh-Pfad. Eine 12 KM Passage auf dem Emmendamm im dichten Wald. Dunkelheit empfängt mich. Schnell die Stirnlampe an um die zahlreichen Steine, Wurzeln und sonstigen Unebenheiten nicht zu übersehen. Hat nix genutzt. Ein großer Stein wird mir zum Verhängnis. Ich segle dem Boden entgegen, kann mich noch seitlich abfangen und abrollen, knalle aber mit meinem rechten Ellenbogen voll auf einen weiteren Stein. Am Boden liegend überholt mich eine Läuferin mit den hilfreichen Worten: „Ganz schön holprig hier“, und weg ist sie. Leider hab ich nichts zum hinter ihr her werfen. Für 10 Minuten ist mein Arm gelähmt. Das gibt mir vorerst den Rest.
Langsam starte ich wieder, die Schmerzen lassen nach. Endlose Kilometer später ist der „Dunkle Pfad“ Geschichte und die Sonne geht wieder auf. Meine Laune verbessert sich von „beschissen“ auf „lass mir nur die Ruh“. Jetzt steigt die Müdigkeit in meine Knochen und Muskeln. Tempo runter. Die 5 KM-Splits werden deutlich langsamer. Tiefpunkt 38 Minuten für 5000 Meter
KM 70. Nur noch 30 KM. Hört sich nicht so schlimm an, oder ? Doch, was, DREISSIG !!! Schaff ich niemals !
Aber der Geist befiehlt weiterlaufen. Ich will heim. KM 80. Schnecken fangen an mich zu überholen, aber sonst keiner. Allen rundum geht es genau wie mir, das baut mich ein wenig auf. Gemeinschaftliche Qual, freiwillige Zäsur.
Noch ein letzter Anstieg, dann endlich KM 90. Lichtblick. Mut fassen. Stehen bleiben. Tiefes Nachatmen. Weiterschleichen. KM 95. Endlich wird wieder jeder Kilometer angezeigt.
Biel kommt wieder in Sichtweite. Unglaubliche Temposteigerung auf 6 Minuten für den Kilometer.
Zieleinlauf.
Stiller Jubel.
Ende.
Geschafft.
Unglaublich was man schaffen kann.
11:13 Stunden.
50 KM Qual, Kampf gegen das Aufgeben.
Gedanken rasen, bis heute
Stolz auf das geschaffte….was wird das nächste Ziel sein….Probleme eines Laufverrückten
Thomas Härtel am 15.06.2006