Der erste
Marathon
Sonntag
morgen 5 Uhr am 26.09.2010 in Berlin – der Handywecker klingelt – Gott sei
Dank, ich hätte glatt verpennt. Das andere Geräusch war weniger erfreulich:
strömender Regen, na toll und das bei deinem ersten Marathon. Überraschenderweise
habe ich tief und fest geschlafen in der Nacht vor dem großen Ereignis. Dafür
war die Nacht vorher traumatisch, nicht wegen irgendwelcher Alpträume sondern
weil ich einfach nicht schlafen konnte und zwischen Küchentisch und Balkon (zum
Rauchen) hin und hergependelt bin.
Die
Laufsachen waren natürlich am Abend vorher schon gepackt und zurechtgelegt.
Mittlerweile ist auch Ina aufgestanden, nach einem kurzen Schlenker ins Bad
haben wir unsere Laufsachen angezogen und ganz gemütlich gefrühstückt – für mich
hieß das jede Menge Kaffee und die aromatische Zigarette dazu, Ina griff lieber
zu einem Stück Brötchen. Um 6:20 Uhr haben wir uns auf den Weg zur Straßenbahn
gemacht und waren um 6:30 Uhr schon wieder zu Hause. Die Straßenbahn war uns
vor der Nase weggefahren. Neuer Versuch um 6:45 Uhr, diesmal erfolgreich. S-
und U-Bahnen auf dem Weg zum Hauptbahnhof waren noch leer, vereinzelt sah man
schon Läufer, deutlich zu erkennen an den lässig über die Schultern gehängten
weißen Plastiktüten. Es war ausgemacht, dass wir uns um 7:30 Uhr am Berliner
Hauptbahnhof mit den anderen treffen. Ina und ich waren superpünktlich, Damiano,
Jochen, Martina und Katja haben fast 2 akademische Viertel in Anspruch
genommen.
Mittlerweile
wimmelte es auf dem Hauptbahnhof von Läufern und deren Begleitern, die sich wie
Ameisen in Richtung Startbereich bewegten. Trotz deutlicher Verspätung musste
natürlich ein Gruppenfoto im Bahnhof noch sein. Es war nicht so einfach,
jemanden dazu zu bringen, von uns allen ein Foto zu machen – irgendwie hatten
es alle ziemlich eilig. Einer hat sich aber doch erbarmt und geduldig gewartet
bis wir uns aus unseren Trainingsanzügen geschält hatten, damit auch die
einheitlichen T-Shirts zu sehen waren. Dann machten auch wir uns auf den Weg
zum Startgelände. Nach großer Verabschiedung von Katja und Damiano ging es nun
auf die Suche nach den Kleiderzelten. Es waren lange Wege, bis wir endlich
unsere Kleiderbeutel loswurden und immer noch goss es in Strömen. Martina, Ina
und ich verabredeten uns hinter einem einsamen Dixie-Klo in der Nähe der
Kleiderzelte. Ich war als erste zurück, von den anderen weit und breit keine
Spur. Endlich erspähte ich Ina in der Schlange vor dem Dixie und dachte, die
Gelegenheit nutzt du auch und stellte mich hinten an. Martina war immer noch
nicht da – wo blieb sie nur. Die Schlange vor dem Dixie wurde immer länger –
die Verweildauer auf demselben allerdings auch und nur noch eine halbe Stunde
bis zum Startschuss. Endlich kommt Martina, drängt zum Aufbruch, zu den
Startblöcken ist es noch ein ganzes Stück zu laufen. Martina die Glückliche war
schon auf dem Klo. Ich entscheide mich mit Martina mitzugehen, in der Hoffnung
auf dem Weg zum Startblock noch ein Dixie ohne Schlange zu finden. Ina bleibt
unbeirrt in der Dixie-Schlange stehen. Auf dem langen Weg zum Start geht es am
Waldrand entlang – also ab in die Büsche. Doch auch hier muss man nach einem
freien Plätzchen hinter der fast geschlossenen Reihe pinkelnder Männer suchen,
die erst gar nicht den Versuch machten, ein Klo zu finden.
Endlos lange
schiebt sich eine Herde Läufer und Läuferinnen durch den Wald in Richtung
Start. Keine Chance mehr, zu entkommen auf dem Weg zum Block H, der für
Marathondebütanten reserviert ist. Wo man hinsieht Läufer – zu erkennen an den
Plastiktüten – diesmal nicht lässig über die Schulter gehängt, nein, völlig
eingehüllt damit. Und nicht etwa zum Schutz vor der Nässe (schließlich sind wir
ja nicht aus Zucker, wie wir bei den langen Trainingsläufen im Regen
festgestellt haben – klug wie wir Läufer nun mal sind, schützen wir damit die
Startnummer, damit diese sich nicht in feuchten Wohlgefallen auflöst und halten
den Startblock-Aufdruck unter Verschluss. Somit entgehen wir der
Startblockkontrolle und schmuggeln uns in einen Startblock, in den wir
zielzeitmäßig gar nicht hingehören. War halt „Wintermarathonzielzeit“, im Winter
werden die Uhren ja auch eine Stunde zurückgestellt. Jedenfalls standen wir
superpünktlich eine Minute vor Startschuss am hintersten Ende von Block E
(Zielzeit 3:30). Wir starten mit der zweiten Welle und die schnellen Hirsche
geben auch gleich Gas und uns viel Platz zum gemütlichen Einlaufen. Die
Startblöcke hinter uns gehörten zu der dritten Welle und wurden etwas später
gestartet. Nach 6 Minuten laufen wir über die Startlinie und sehen die bunte
Masse an Läufern vor uns auf dem Weg zur und um die Siegessäule. Ein
gigantischer Anblick.
Es nieselt,
ist windstill, die Temperatur zum Laufen perfekt und wir pendeln uns relativ
schnell auf unser Lauftempo ein. Bei KM 5 die erste Verpflegungsstelle – ein
kulinarisches Angebot an exotischen mundgerechten Früchten und ausgewählten
Cocktails, wahlweise warm oder kalt, für Puristen wurde selbstverständlich auch
Wasser gereicht. Vorbei an diversen architektonischen Raritäten und einer
überschaubaren Menge an Zuschauern steuerten wir schon auf KM 10 zu. Auch hier
wieder reichlich Speis und Trank in Farben- und Formenvielfalt, und um die
Sache ein bisschen interessanter zu machen auch in anderer Reihenfolge – man
wurde glatt aus dem Lauftrott herausgerissen. Bei km 12 standen Damiano und
Katja in ihren neonbunten Kostümen am Straßenrand – sofort sichtbar in der
Menge der dunklen Regenjacken und –schirme. Gelassen bleiben wir stehen, werden
kurz zu Geisterläufern, was uns den Unmut diverser Mitläufer einbrachte, dafür
aber perfektes Casting mit unserem Starfotografen Damiano. Dann reihten wir uns
wieder in die Läufermenge ein.
Die Zeit bis
zur Halbmarathonmarke verging wie im Flug und dann ging’s ja eigentlich schon
heimwärts. Martina und ich waren immer noch gut in der Zeit und im Tempo, ab
und zu habe ich sie ein bisschen gebremst – ein 5-er Schnitt erschien mir ja
dann doch ein bisschen verwegen. Kurz vor km 30 fingen meine Beine über dem
Knie an zu rebellieren, was sich ab km 30 zu heftigsten Krämpfen nach unten ausweitete.
Martina hab ich weiter auf die Strecke geschickt und bin mal ein paar Meter
gegangen, bis sich die Muskeln wieder beruhigt hatten. Aber das Tempo war für
mich nicht mehr zu halten. Also bin ich gemütlich weitergetrabt, so wie meinen
Beinen das krampflos möglich war, hab an den Versorgungsstellen ausgiebig
getrunken und ein bisschen mit den Helfern geschwätzt, die so geduldig im
Dauerregen ausgeharrt haben.
Meine
Startnummer hing mittlerweile nur noch in aufgeweichten Fetzen am Shirt und ich
hab mich immer mal vergewissert ob sie überhaupt noch vorhanden ist. Mehrere
dieser feuchten Fetzen lagen bereits auf der Straße. Interessant war auch die
Reihe Massageliegen, die hier am Straßenrand aufgebaut war und wo sich Masseure
und Masseurinnen redlichst Mühe gaben, stöhnende Männer mit einem Lächeln
wieder auf die Strecke zu schicken. Allein der Gedanke, dass sich jetzt jemand
an meinen Beinen vergreift, war mehr als abschreckend.
Bei km 35
fiel mir ein, dass ja jetzt jeden Moment der Mann mit dem Hammer kommen müsste
– aber in Berlin gibt es keinen. Gemütlich und entspannt bin ich in Richtung
Brandenburger Tor gelaufen, hab mich an den Kulissen, Zuschauern und Musikbands
erfreut (wobei viele eher Trauermelodien gespielt haben, die wohl dem Wetter
aber keineswegs den Läufern gerecht wurden).
Endlich kam
das Brandenburger Tor in Sicht, ein toller Anblick und 200 m dahinter die
Ziellinie. Einmal noch über den roten Teppich – das wars. „Aha“, dachte ich,
„so ist das also, wenn man bei einem Marathon durchs Ziel läuft.“ Mmmmh,
ziemlich kalt und nass und anonym und überhaupt – warum kriege ich keine Folie.
Ich friere wie ein Schneider – mir fällt ein, dass ich im Osten bin: hier gibt
es keine Bananen, keine Folien gibt es nebenan.J Nach etwa 300 m und ziemlich zitternd
wurden endlich diese grünen wärmenden Plastikfolien ausgeteilt und gleich
daneben die Medaillen. Irgendwer drückte mir eine Plastiktüte in die Hand
gefüllt mit wenig erfreulichen After-Run-Riegeln und Mineralwasser. Aber ich
war ja von den vielen Verpflegungs-Stationen auf der Strecke mehr als satt.
Weiter geht
es die endlos lange Straße wieder zu den Kleiderbeuteln. Diesmal alles in
entgegengesetzter Richtung. Der Boden auf dem Gelände hat sich mittlerweile in
eine Schlammwüste verwandelt und ich mache mich auf die Suche nach den
gemeinschaftlichen Zeltduschen für die Damen, natürlich nicht ohne vorher ganz
genussvoll die Finisher-Zigarette zu rauchen, was mir manchen ungläubigen Blick
einbrachte.
Die
Orientierung der Helfer ließ sehr zu wünschen übrig (meine allerdings auch) und
nach einigem Herumirren fand ich endlich die ersehnte Dusche. Das war noch mal
ein richtig spannendes Erlebnis, mit nackten Füßen auf dem Asphalt zu duschen
und in rutschigen Badelatschen über schlammigen Boden zurück zur Bierzeltbank
mit den sauberen Sachen, hoffnungslos verloren in einem Gewirr von
Plastiktüten, stinkenden und nassen Klamotten, eingenebelt in Deo- und
Parfümwolken und dazwischen Geplapper und Geschnatter frisch geduschter und zum
Teil offensichtlich an Bewegungslegasthenie leidender Marathon-Finisher-Ladies.
Muss man einfach mal erlebt haben.
Jetzt nur
noch die Urkunde abholen, die Medaille gravieren lassen und vielleicht irgendwo
endlich eine Tasse Kaffee trinken. Die ersten beiden Dinge erledigten sich
relativ schnell, letzteres war utopisch.
Mittlerweile
klingelten wir uns alle dank unserer Handys zusammen und es gab großes Hallo
und Wiedersehensfreude – auch Ina war wieder aufgetaucht.
Mit unseren
unvermeidlichen Plastiktüten behängt und stolz die Medaillen um den Hals machten
wir uns auf den Weg zum Bahnhof um dort erstmal einen leckeren Kaffee bei
McDonalds zu trinken. Leider hatten wir nicht als einzige diese Idee und die
Sitzplätze waren rar. Endlich hatte aber jeder sein dampfendes Wunschgetränk
vor sich und danach ging es nach Hause um sich gemütlich und in aller Ruhe zu
duschen und fit zu machen für die anschließende Feier.
Der Berliner
Marathon war ein tolles und unvergessliches Erlebnis – keine Frage, obwohl ich
nicht allzu viel von den Sehenswürdigkeiten auf der Strecke mitbekommen habe
(ein mitlaufender City-Guide wäre nicht schlecht gewesen). Aber noch mal muss
ich so etwas nicht haben – die Veranstaltung war einige Nummern zu groß, viel
zu anonym und unpersönlich. Dann lieber eine kleine familiäre Long-Distance, wo
man sich nach dem Zieleinlauf zeitnah trifft.
Und mein
Fazit: Mythos Marathon gibt es nicht mehr für mich, das kann jeder schaffen, es
ist nur eine Frage des Trainings. (Ich hab’s doch immer schon gewusst und
musste mir wohl nur mal die Bestätigung holen J )
In den beiden
Tagen nach dem Marathon hat man die Läufer in Berlin zwar nicht mehr an ihrem
Outfit oder den Plastiktüten wohl aber an den seltsamen
Treppenbewältigungstechniken in den diversen U-Bahn-Stationen erkannt!
Liebe Grüße
von einer, die eigentlich nie einen Marathon laufen wollte und jetzt nicht zu
den Siegern wohl aber zu den glücklichen Gewinnern gehört. Dagi